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Eva Leitschuh - Rauhnächte

Galerie im Keller-Klub – Schloss Darmstadt


Sehr geehrte Damen und Herren, Mitten im Frühling lautet der Titel dieser Ausstellung „Rauhnächte“, und wer weiß, ob nicht manch einer von uns schwarz-weiße, karge, ja kühle Bilder hier an den Wänden zu sehen erwartete ! Stattdessen diese feinen, in sich pulsierenden, schwebenden Gebilde – vielschichtig, und vielfältig durchdrungen von Strukturen, von Wachsendem, Gewachsenem, wie Ausblicke in blühende Bäume ! Was, wenn nicht ein Frühling, ist der Ursprung dieser Bilder ?
Und doch sind sie mitten in der kalten Jahreszeit, mitten im Winter entstanden – eben in den Rauhnächten.
Die Rauhnächte sind 12 besondere Nächte in der Zeit vom 24. Dezember bis zum 6. Januar. In früheren Zeiten waren sie mit allerlei Bräuchen verknüpft, die mit Tieren und Geistern zu tun hatten. Der Blick in die Zukunft war unter Umständen ebenso möglich wie das Sehen der Verstorbenen. Glück und Unglück lagen eng beieinander und mussten durch Rituale beschworen und befriedet werden.
In der Zeit des Christentums ist davon übriggeblieben, an bestimmten Tagen dieses Zeitraums Kerzen zu entzünden und Gebete zu sprechen.
Die Anthroposophen schließlich regten dazu an, die Zeit der Rauhnächte unabhängig von den Hintergründen des Volksglaubens vertieft zu erfahren und sich mit dem zu befassen, was sie vom Jahreslauf her ist: eine Zeit des Übergangs.
Die „Heiligen Nächte“, wie Eva Leitschuh sie auch nennt, sind geprägt von einer besonderen Energie: das Leben konzentriert sich in dieser „Dazwischenzeit“ und ist in besonderer, intensiver Weise wahrnehmbar – so wie die Zeit einer Geburt, eines Todes.
In den frühen Morgenstunden einer jeden Rauhnacht malt Eva Leitschuh zwei bis drei Stunden lang – auch hier dem leisen Übergang nachspürend – von der Nacht zum Tag – und die morgendliche Stille begeht sie malend, feiert sie als Fest des Schweigens...
Eva Leitschuh betont, wie wesentlich ihre künstlerische und menschliche Haltung in dieser Zeit und bei dieser Arbeit ist: klar ausgerichtet und sich ganz öffnend für das, was geschehen könnte in ihrem Bild, sieht sie sich als Werkzeug dessen, was gerade jetzt wirksam wird – „ES tut etwas mit mir“, sagt die Künstlerin.
Sie lässt sich ganz leer sein, konzipiert kein Thema, wählt auch keine Malmaterialien im Vorfeld aus, sondern sie arbeitet – innerlich wie äußerlich – mit dem, was gerade da ist.
Sensibel lauscht sie auf ihre Träume in dieser Zeit, ist durchlässig für alles, was von innen oder von außen auftauchen mag. Die Tugenden, die die Anthroposophen den einzelnen Rauhnächten zuordnen, stellt sie wie Sterne über sich. Sie überlässt sich den Stimmungen, Gestimmtheiten, die davon ausgehen, ohne zu werten, ohne etwas bestimmtes anzustreben, ohne etwas ausdrücken zu wollen.
Ausdauer, Geduld, Mut ( drei der zwölf Tugenden) – die Worte schwingen in ihr, die Bedeutungen und Bedeutsamkeiten fließen wie feine Rinnsale, verschweben und verschwimmen wie lichter Nebel, finden ihren Weg ins Bild...

Eva Leitschuh stimmt sich ein mit dem „Sitzen in der Stille“ beim Licht einer Kerze. Sie meditiert, ist einfach „da“. Dann spricht sie den Namen der Tugend dieser Rauhnacht aus, lauscht dem Klang nach und – beginnt mit dem Bild.
Das, was gerade da ist, was JETZT ist, findet also seinen Weg ins Bild – seien es Notenpapier-Bögen, Zeitungsschnipsel, unterschiedliche Papiere – und mit Stiften, Kreiden, Pinseln wachsen allmählich – malend, zeichnend, schreibend, schabend, kratzend – Spuren und Flächen ins Bild, es zeigen sich – und vergehen wieder – Dinge, Gestalten...
Eva Leitschuh beschreibt den Prozess des Malens wie ein „Leerschreiben“ – sie lässt sich überraschen von dem, was auftaucht, lässt es los, sammelt Neues auf, malt, übermalt und ist in einem oszillierenden Bewusstseinszustand – ganz nah am Sprach-losen, Bild-losen, gerade noch alltagsbewusst genug, um neue Farben zu nehmen, zum Klebstoff zu greifen – und um, antwortend auf das Entstehende, zu gestalten – in einem sensiblen, feinen Abstand zum Bild.
Fertig sei ein Bild, so Eva Leitschuh, wenn sie etwas „verstanden“ habe. Was ist das ? Wurde eine Geschichte erzählt von dem, was war ? Ein Traum ? Eine Begegnung ? Wird der Betrachter eine eigene Geschichte finden und erfinden beim Anschauen des Bildes ?
Die Arbeiten sind weit entfernt davon, Illustrationen von Geschichten zu sein – vielmehr durchdringen sich Bild und Geschehen so innig, dass das Bild sich erzählt.
Die Künstlerin hört malend zu – wie mag ES weitergehen ? – bis der letzte Pinselstrich gesetzt ist, die Geschichte und das Geschichtete an ein Ende gekommen sind...

Wenn wir nun hören, wie diese Kunstwerke entstanden sind und in welcher Haltung die Künstlerin hier arbeitete – was sehen wir dann ? Wir können auf Fischzug gehen in diesen Arbeiten – können Tiefen ausloten, können hinter den Gestalten und Formen, die wir vielleicht erkennen und benennen möchten, ein Leben erahnen, das nicht nur frühlingshaft aufblühend, sondern in so erfrischend unmittelbarer Weise präsent ist, wie es der Mystiker Dschelaleddin Rumi hier beschreibt:

„Glaubst du, ich weiß, was ich tue ?
Dass ich einen Atemzug lang oder einen halben
mir selber angehöre ?
Nicht mehr, als eine Feder weiß, was sie schreibt,
oder der Ball vermuten kann, wohin er gleich fliegt.“

Frei, unvoreingenommen da sein,
offen, durchlässig, beweglich,
sich dem Leben hingebend, sich überlassend,
wo und wann auch immer –
davon ist etwas zu sehen in der Kunst von Eva Leitschuh.


Ich wünsche Ihnen einen Abend der frühlingshaften Begegnungen mit einer Kunst, die in den Rauhnächten entstanden ist...

Gundula Schneidewind


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