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Albatros I

Er schwebt lautlos über der Erde.

Unter ihm in der nächtlichen Tiefe atmet das Meer im ewigen Spiel der Wogen, und in seinen Augen glänzt das Licht der Sterne. So ruhig, wie er da schwebt, scheint es die Erde zu sein, die unter ihm hinwegkreist, scheint es der Sternenhimmel zu sein, der sich wendet über ihm, wie ein unendlich langsam dahingleitendes Tuch, bestickt mit Millionen schimmernder Juwelen.
Viele Stunden sind so verstrichen, seit er am Saum des Meeres gesessen hat, um einen Fisch zu verspeisen. Noch rollen einige Tropfen Meerwasser durch sein Gefieder, und einer von ihnen fällt gerade mit lautlosem Klang von seiner Flügelspitze in die Tiefe und versinkt in der Schwärze...

Als die Morgenröte sich zeigt mit flammenden Farben,
liegt die See leer unter einem leeren Himmel -
von Horizont zu Horizont -
wohin ist er geflogen ?

(06.05.2002)

Albatros II

Tage und Nächte waren dahin gezogen, waren an ihm vorüber geströmt wie Silber und Blau, wie Schwärze und Schweigen, und seine Vogelseele schwebte im reglosen Raum, schwerelos und wie in tiefem Schlafe befangen. Eine seltsame Traurigkeit begleitete ihn, so wie eine Frage, die auf ewig ohne Antwort bleiben muß, so wie das letzte Wort vor dem Tod, und bis ins Unendliche hatte sich sein Atem verlangsamt, still verharrten seine Flügel in vollkommener Krümmung, und sein Blick versank in der ortlosen Weite...
Dann aber, ganz allmählich und fast unmerklich begann sich etwas zu wandeln: tief unter ihm war die Gestalt und die Form einer Insel aus dem Dunst aufgetaucht - immer klarer erkannte das Tier aus der schwindelnden Höhe die genaue Bestimmtheit einer Tiefe und das Aufatmen eines Ortes, den man betreten kann, die Begrenztheit, die das Leben benennbar macht und begreifbar.
So ließ er sich langsam sinken, diesem Stück Welt entgegen...

Während er aber in großen Spiralen niederstieg, da war es ihm, als verlöre er Alles - und voller Verzweiflung wandte er den Kopf hin und her an langem Halse - schaute in die leere Runde und in die Höhe über ihm und wieder hinab auf das kleine Feld betretbaren Grundes unter ihm, und so woben seine Blicke zusammen, was auseinander zu sinken drohte - kaum, daß er innehielt mit Schauen...
Aber ihn schwindelte, und als er endlich die Brise in den Bäumen des Landes unter ihm wispern hörte, hielt ihn die Kraft nicht länger - rauschend stürzte er hinab. Wie ein Komet schoß er ins Dickicht der Bäume, deren Blätter auseinanderstoben wie die Sterne am Nachthimmel, wenn ein mächtiger Wanderer sie vorüberrauschend in seinen Bann reißt und wieder von sich stößt - und als er am Boden lag wie tot, da sanken auch die Blätter sanft herab, und sie raunten traurig vom Ende des Großen Fluges...
Noch ging sein Atem leise, und in großen Abständen schlug sein Herz - im Grase breiteten sich seine Schwingen aus, das weiß leuchtende Gefieder braun und schwarz überstäubt vom Laub des Vorjahres.
Als wenig später ein Hase vorüber sprang, hielt er erstaunt inne : da war ein klarer Teich, wo zuvor keiner gewesen war - und in seiner Mitte blühte - rot glühend im Abendlicht - eine einzelne Seerose.
Der Mond zog seine Bahn über Insel und Wald und Teich, und er war es auch, der das Geheimnis der Seerose schließlich verstand - denn nur er hörte sie singen um die Mitte der Nacht, vernahm den sehnsüchtigen Gesang der gefangenen Seele, das Lied des an die Erde Gebundenen, die Klage des Geschöpfes, das nicht länger zu leben vermocht hatte in der maßlosen Weite und das nun doch lieber vergehen wollte als verwandelt zu werden in Schwere und Finsternis irdener Last...

Still strahlte ein Stern herab auf Seerose und Teich.
"Nicht Stein wurdest du," raunte er in seiner besonderen, silbrig klingenden Sprache, "nicht stumm und dumpf liegst du auf weiselosem Grund - sondern es wandelte sich deine große Seele, es wandelte sich der Segler des Himmels in dieses zarte, blühende Singen über traumschweren Fluten, in denen sich spiegeln kann, wer sich dir naht. Kostbar ist das Leben... Und schön blühst du und singst, die du die Unendlichkeit kennst - so wie ich..." und der Stern schwieg.
Die Seerose aber war strahlend weiß geworden bei seinen Worten, und weithin leuchtet seither in der Tiefe des Waldes ein neuer Stern.
Nie mehr jedoch hörte man jenes Singen aufsteigen aus dem geheimnisvollen Teich - das Lied wilder Klage - statt dessen erfüllt Sternengesang den Wald für den, der ihn zu hören vermag, und eine Stimme mehr kam dazu zum Chor der Weltenweite...

Der Hase zog übers Jahr davon in die Wiesen jenseits des Waldes, und er vergaß den Teich und die Seerose...

(20.05.02)

Albatros III

Er stand reglos am Saum des Meeres. Der Wind strich durch sein Gefieder und wehte den Sand in Fahnen und Schleiern über den Strand. Der große Vogel schaute noch einmal zum Horizont hinüber und zu den Wolken hinauf, dann breitete er seine weißen Schwingen aus, lief einige Schritte über den feuchten Sand auf das Wasser zu und erhob sich mit ruhigen Flügelschlägen.
"Der Anfang einer weiten Reise...", dachte er bei sich, und in seinem Herzen hörte er schon das Flötenspiel der Hirten im fernen Land - weit von hier - wo er nach vielen Tagen und Nächten des Fluges ankommen würde.

Er stand reglos am Saum des Meeres - am anderen Ende seiner Reise - und schaute zurück. Hinter ihm ragten steile Klippen auf, und der Wind heulte und pfiff in ihren Riffen und Schluchten. Wie eine unüberwindliche Mauer standen sie da zwischen dem Meer und dem lieblichen Wiesenland dahinter, und der Vogel wußte, daß er keine Kraft mehr hatte, sie zu überfliegen. Und doch warteten dort stille, fischreiche Seen, fruchtbares Grasland und schließlich die anderen seiner Art... Er atmete tief ein und sammelte in seiner Seele alles, was an Sehnsucht in ihm lebte - dann wandte er sich um...
Kaum hatte er den Felsen angeschaut, zersprang der gleich in 1000 Stücke.

(18.11.2002)

 

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