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Es war einmal ein König, der herrschte freundlich und wachsam über sein Reich. Das war allerdings nicht sehr groß - genau genommen zählte er nicht mehr als 66 Untertanen. Diese nannten sich "Becher", weshalb das Land das "Becherland" hieß. Dreimal am Tag schaute der König nach seinen Untertanen und wies ihnen ihre Plätze zu. Zuweilen stellte er ihnen auch wohl das eine oder andere zur Seite, was ihnen nur nützlich sein konnte. Einmal am Tag aber ging es zum Schwimmen - war das eine Freude - das zischte und rumpelte, platschte und spritzte, daß es eine Art hatte ! Mancher der Schwimmer allerdings kehrte nach dem Badefest mit Verletzungen zurück, und der König, der gelassen gewartet hatte, bis alle mit Baden und Abtrocknen fertig waren, betrachtete mitleidig die Schar seiner Untertanen...
Voller Bestürzung jedoch mußte er oftmals manche Lücke in den Reihen seiner Leute entdecken ! Der eine oder andere hatte sich auf die Reise begeben - ins Doppelzimmerland, nach Einzelzimmern, hatte sich verloren in den Fluren oder sich gar verstiegen bis droben ins ferne Mehrbettanien!
Dem König blieb dann nichts anderes übrig, als Legionäre und Söldner anzuwerben, um seine fehlenden Leute zu ersetzen. Er reiste ins Kammerland hinüber. Dort fand er in den unteren, dunklen Regionen die Burschen, die er suchte: finstere, kräftige Haudegen, denen man ansah, daß sie schon manchen Strauß ausgefochten hatten. Bereitwillig zogen sie mit ihm und stellten sich trotzig auf die ihnen zugewiesenen Plätze - ängstlich beäugt von den empfindlichen Sojasoßendamen, die in der Nähe mit ihren Salzfäßchenkindern umherspazierten...
Meistens kehrten nach einer Weile - hastig und reumütig - die weitgereisten Untertanen zurück und nahmen ihre Plätze ein - der König konnte die Söldner und Legionäre wieder heimschicken ins Kammerland, wo sie lärmend noch eine Weile umherrutschten und lästerliche Reden führten. Eines Nachts allerdings räusperte sich dort jemand aus der dunkelsten Ecke. Respektvoll machten die Söldner und Legionäre i h m Platz - dem schweigsamen Veteranen, dem Kriegsrecken, dem Helden des Schwertkampfes: er trug eine riesige Scharte quer über den Rand, und weiß leuchtete diese Narbe im Dämmern - "wie ein Komet am Nachthimmel", pflegten seine Kameraden einander zu zu raunen.
"Freunde", richtete er mit rauher Stimme das Wort an sie, "ihr mögt meine Taten und Abenteuer bewundern, doch heimlich denkt ihr, nun sei ich alt, häßlich und nutzlos. Manche Menschen denken auch so über uns Becher, wenn wir erst einmal vom Leben gezeichnet sind, so wie ich jetzt... doch einer von ihnen hat heute gesagt: "Gerade im Mißgeschick, gerade im Unvollkommenen begegnet uns die Urwirklichkeit."
Da breitete sich nachdenkliches Schweigen aus im ganzen Kammerland...
Plötzlich schaute ein kleiner Silberlöffel über den Rand seiner Kiste, klopfte 3 x daran und sagte:

"Aus tiefstem Herzen sage ich euch allen:
Der wahre König im Kammerland
ist ohne Glanz und Zier und Tand,
bleibt schweigsam, ohne schöne Reden,
mal voll, mal leer - nützlich für jeden.
Es zeigt die Spur an seinem Rand,
daß er das wilde Leben gekannt:
er liebte es, er lebte es, war duldsam von Kerbe zu Kerbe.
So, Freunde, habt Mut und eine glückliche Fahrt -
bechert ihm nach bis zur letzten Scherbe!"

Gundula Schneidewind - Zen-Training mit Willigis im November 2003 auf dem Sonnenhof - nach 14 Tagen Tischdienst

 

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