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Vortrag zur Gedenkfeier am Volkstrauertag

15. November 2009
auf dem Friedhof Gundernhausen

Gundula Schneidewind, Forum Gundernhausen



Meine Damen und Herren,

“Erinnern heißt Sichtbarmachen.“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel einmal (Volkstrauertag 2006). In diesem Sinne wird der Blick zurück auf die beiden Weltkriege, die Europa verwüsteten, auch heute kein leeres Ritual bleiben: sichtbar wird vielmehr an solchen Gedenktagen wie diesen, dass die Bevölkerung bereit ist, dass die Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen im Sinne von Konsequenzen für gegenwärtiges und zukünftiges politisches und alltägliches Handeln in diesem Land.

Mit dem Verstreichen der Zeit seit Ende des 2. Weltkrieges wird auch die Zahl der Menschen mit persönlicher Erfahrung und Betroffenheit weniger, und wir sind angewiesen auf schriftliche Erzählungen, Schilderungen und Dokumentationen, die uns das Elend und das Grauen der Kriege, die unzähligen Toten, Ermordeten, Verfolgten und Vertriebenen in Erinnerung halten.

Das Forum Gundernhausen hat sich in seiner Arbeit auch dieser Kultur des Erinnerns verschrieben: In Vorträgen wird z.B. das Schicksal der Heimatvertriebenen beschrieben, die nach Gundernhausen kamen und die ja nicht nur den Verlust ihrer Heimat, sondern oftmals auch den Tod ihrer Angehörigen beklagen mussten. Denken wir nur an die Kinder, die auf der Flucht oder in den Kriegswirren umgekommen oder verloren gegangen sind!

Auch Gedenktage wie dieser, an denen wir uns gemeinsam besinnen auf das, was war, leisten diesen Beitrag des Erinnerns, damit das lebendig bleibt, was hinter Fakten und Zahlen sonst abstrakt und farblos bleiben und bald verblassen würde.

Die Erinnerungen an jedes einzelne Opfer schmerzen und drängen dazu, nicht zu vergessen – Erinnerungen, die Kopf und Herz ansprechen, die von Empathie, von Mitgefühl getragen sind.

Wird Gedenken von solch einer Erinnerung getragen, dann ist unsere Trauer nicht passiv oder resignativ, sondern sie kann zu einer motivierenden Kraft für uns werden, zu einer Aufforderung zum Handeln – gerade im Sinne derer, um die wir heute trauern.

Gustav Heinemann sagte: „Der Krieg ist kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis menschlichen Handelns“ – und weiter: „Auch der Frieden ist kein Naturgesetz...“

Friedensarbeit heißt also Handeln, um Verständigung, Verständnis,
Toleranz, Respekt – eben Mitmenschlichkeit Raum zu geben - weltweit.

Aus einer solchen Haltung heraus wird sich Widerstand regen gegen Ungerechtigkeit, gegen Unterdrückung, sei es im eigenen oder in einem anderen Land. Erst am vergangenen Montag feierten wir mit dem Fall der Mauer in Deutschland vor 20 Jahren solch einen Widerstand. „Keine Gewalt“ riefen die Bürger der damaligen DDR rund um die Nikolaikirche in Leipzig, und die „Sanfte Revolution“ gelang – wie ein Wunder, für das wir noch heute dankbar sind.

Aus solch einer Haltung heraus kann auch eine Umweltpolitik und eine Wirtschaftspolitik europaweit und weltweit entstehen, die nicht auf Ausbeutung und den Vorteil Weniger ausgerichtet ist, sondern auf den Schutz der Natur und des Klimas und auf die Unterstützung der Schwächeren.

Die Religionen der Welt bemühen sich, die Botschaft zu vermitteln, dass brüderliches, mitmenschliches Sein dem Menschen in seiner Würde als Geschöpf Gottes entspricht, und Gebote, Heilige Schriften und Gebete stärken das - wenn nicht die Brüder und Schwestern anderer Glaubensrichtungen ausgeschlossen werden und Religionskriege ad absurdum führen, was der eigentliche Kern religiöser Botschaft ist.

Manchmal ist es aber auch einfach nur ein Lächeln, ein gutes Wort, ein vertrauensvoller Blick, der Wunderbares bewirkt – Friedensarbeit findet statt, wenn der Busfahrer dem ärgerlichen Fahrgast gut zuredet oder wenn jemand einen Mitmenschen regelmäßig im Gefängnis besucht, um ihn auf einem Weg der inneren Entwicklung und Veränderung zu begleiten.

Es hat eine große Kraft, wenn wir den Menschen das Gute zutrauen, wenn wir erfahren haben, dass in jedem, mag er sich noch so feindselig verhalten, ein Herz schlägt, das sich im Grunde nach Versöhnung und Anerkennung sehnt.

Große Musiker wie Yehudi Menhuin haben durch bedeutende Musik- und Konzertprojekte für Verständigung und Freundschaft über alle Grenzen hinweg gesorgt, aber auch wenn die Erzieherin im Kindergarten in unserer Gemeinde mit dem Kreis der Kinder unterschiedlicher Herkunft ein kleines Lied einübt, geschieht Friedensarbeit.

Auch Hilde Domin, die große deutsche Dichterin, die erst vor einigen Jahren verstorben ist, war keine, die sich auf einen Elfenbeinturm der Kunst zurückzog. Sie hat sich nicht nur mit zahlreichen Leserbriefen unermüdlich in das politische Geschehen eingebracht und sich in zahllosen Lesungen u.a. in Gefängnissen dem Gespräch gestellt, sondern viele ihrer Gedichte sind im tiefsten Sinne politisch:

Ich will einen Streifen Papier
so groß wie ich
ein Meter sechzig
darauf ein Gedicht
das schreit
sowie einer vorübergeht
schreit in schwarzen Buchstaben
das etwas Unmögliches verlangt
Zivilcourage zum Beispiel
diesen Mut den kein Tier hat
Mit-Schmerz zum Beispiel
Solidarität statt Herde
Fremd-Worte
heimisch zu machen im Tun

Mensch
Tier das Zivilcourage hat
Mensch
Tier das den Mit-Schmerz kennt
(...)


Die gesellschaftliche und politische Aufgabe eines Dichters sieht sie darin, Zeuge seiner Zeit zu sein, so wahrhaftig wie nur möglich. Und nicht zu viel zu wollen. Vielmehr solle er, wie Konfuzius rät, hinhören auf die leise Stimme des Herzens. Dazu, so Hilde Domin, brauche er dreierlei Mut: den Mut, er selbst zu sein, den Mut, nichts umzulügen und den Mut, an die Aufrufbarkeit der anderen zu glauben.

Diese Aufrufbarkeit ist es, auf die Gedenktage wie dieser Volkstrauertag setzen: dass die Menschen anzurühren sind in ihrem brüderlichen Mit-Gefühl, dass sie zu aktivieren sind in ihrem Wunsch, mit ihrem Leben dafür zu sorgen, dass unsere Welt wieder ein Stückchen lebenswerter wird. Denn das Paradies auf Erden erschaffen, das wäre, wie Hilde Domin zu recht warnt, ‚zu viel gewollt’, aber unbeirrt dabei bleiben, den Traum vom Frieden lebendig zu halten, das geht.

Als Hilde Domin während der Nazi-Zeit Deutschland verlassen musste – als Jüdin war ihr Leben in Gefahr - sah sie aus dem Zugfenster einen blühenden Mandelbaum am Rheinufer stehen, und sie fragte sich, so erzählt sie in ihren Erinnerungen, ob sie ihn je, ob sie ihr Heimatland Deutschland je wiedersehen würde.

In den 50iger Jahren kehrte Hilde Domin zurück nach Deutschland und lebte bis zu ihrem Lebensende in Heidelberg. Das Gedicht, das aus der Begegnung mit jenem Mandelbaum viel später entstand, lautet:

Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.


Es erzählt uns von menschlicher Geduld, von Sanftmut und von Beharrlichkeit – und die brauchen wir auch - auch in unseren Tagen.

Denn überall auf der Welt gibt es noch Konflikte, bei denen Menschen versuchen, ihre Interessen mit Gewalt durchzusetzen. Und so wie in Afghanistan deutsche Soldaten ganz direkt mit betroffen sind, in dem Versuch, dort stabile politische Verhältnisse herzustellen, so sind wir in diesem Land, in dem seit über 60 Jahren Frieden herrscht, doch mit allen Mitmenschen auf der Erde verbunden, die in diesem Augenblick unter Krieg und Gewalt zu leiden haben – verbunden in Verantwortung und Brüderlichkeit. Jeder von uns kann auf seine Weise und in seinem Umfeld und Einflussbereich etwas sein, etwas tun für das Wunder der Mitmenschlichkeit in dieser Welt.

Kürzlich traf sich eine Gesellschaft in einem eleganten Wiesbadener Hotel, um eine Preisverleihung zu feiern. Der sogenannte Dokupreis wurde, ausgeschrieben von der Gesellschaft für Technische Kommunikation, für hervorragende technische Dokumentationen, Gebrauchsanweisungen, Bauanleitungen, usw., verliehen. In diesem Jahr verließ ein Mitglied die Jury, welches es für verwerflich hielt an der Prämierung mitzuwirken, die anderen sorgten jedoch dafür dass die Auszeichnungen für die „hervorragende Gebrauchsanleitung“ einer Pistole und eines Selbstladegewehrs in Empfang genommen werden konnten.

Es wird sicher noch lange dauern, bis die Zahl der Waffen weltweit eingeschränkt ist oder bis auch die letzte Waffe verschrottet sein wird, aber wir sind es all den Kindern, Frauen und Männern aller Völker, die Opfer von Gewalt und Krieg geworden sind, schuldig, „nicht müde zu werden“ in unserem Bemühen um Frieden, Aussöhnung und mahnendes Gedenken.

Nicht zuletzt jede einzelne menschliche Seele ist es, die das Erinnern – und nicht das Vergessen – braucht, um ganz heil zu sein: In Therapie-Bildern von Menschen, die Rat suchen, weil sie eine rätselhafte Last auf ihrem Leben spüren, die sie nicht eigenen Erlebnissen zuordnen können, finden wir Symbole wie Kreuze oder dunkle Wolken in der persönlichen Lebenslinie oder über der gemalten Lebens-Landschaft, die in der therapeutischen Aufarbeitung allmählich ihren Ursprung enthüllen: die unausgesprochene Trauer der früheren Generation. Der Vater oder der Großvater kehrte vielleicht sprachlos und wie verstummt aus dem Krieg zurück, und manche Eltern und Großeltern waren auch nach Jahren noch nicht fähig, darüber zu sprechen, was war – nicht fähig, zu erzählen, zu schildern und sich so „alles von der Seele zu sprechen“. So blieb dann all’ der Kummer, der Zweifel, die Verzweiflung am Leben, am eigenen Tun oder Unterlassen, auch am eigenen Überlebthaben unausgesprochen und in der Schwebe hängen – als Dunkelheit auch über dem Leben der Nachkommenden.

Eine ganze Familie, eine ganze Nation atmet jedoch auf, wenn endlich wieder erinnert und ausgesprochen und sichtbar wird, was war - wenn endlich gewürdigt und betrauert wird, was in düsteren Zeiten geschehen ist.

Frieden, Versöhnung und neues Leben, neue Lebendigkeit, Mut und Zuversicht haben auch hier ihren Ursprung:

Im Gedenken, im Sichtbarmachen.

(in Anlehnung an Johannes Rau:)
So gedenken wir heute der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren. Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde. Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten. Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Bundeswehrsoldaten und die anderen Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren. Wir gedenken heute auch derer, die bei uns durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind. Wir trauern mit den Müttern und mit allen, die Leid tragen um die Toten.

Aber unser Leben steht im Zeichen der Hoffung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern, und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der Welt.


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