Leben

Ein Tropfen Blut rinnt herab, am Goldfaden entlang, und tropft zu Boden, wo der Schlamm ihn aufnimmt. Aufgewühlt ist der Boden - Rasen und Blumen zertreten von eisernen Stiefeln. Der strömende Regen mischt sich mit den Tränen auf den Gesichtern der Kämpfenden, denn sie sind ohne Hoffnung: der junge Fürst ist tot! Erschlagen liegt er auf dem Hügel, wo er neben seinem Fahnenträger ausgeharrt hatte, bis die Feinde sie endgültig umzingelt hatten. Und ein Schwert war aufgeblitzt, sein Mantel, der seine Rüstung umhüllt hatte, flatterte in Fetzen davon.
Als die Nacht hereinbrach nach jedem unendlich traurigen Tag, der so vielen alten und jungen Männern den Tod gebracht hatte, lagerten die Sieger am Feuer, saßen vor ihren Zelten, aber sie waren nicht froh über den Sieg, denn sie erkannten, dass kein Frieden sein konnte: der König würde seine Leute rächen lassen. Und die Familie des jungen Fürsten – es würde weitere Schlachten geben. Keiner wagte es auszusprechen, aber sie waren es alle plötzlich von Herzen leid, ihr weiteres Leben damit zu verbringen, zu kämpfen und zu töten. Der Gedanke schien allmählich immer stärker zu werden, und als einer von ihnen ein kleines Stück Stoff hochhob, erschauerten sie und stöhnten auf: es war ein feiner, goldbestickter Seidenstoff, ein Stück vom Mantel des erschlagenen Fürsten. Der junge Soldat, der das Stückchen Seidenstoff auf dem Schlachtfeld gefunden und mitgenommen hatte, erhob sich nun – er wusste selbst nicht, wie ihm geschah – begann zu ihnen sprechen. „Hier lese ich die Worte „Hoffnung“ und „Liebe“ hineingestickt. Goldfäden schlingen sich zu diesen kostbaren Worten, und Blut rinnt an diesen Fäden hier entlang, das Blut des Fürsten“, er unterbrach sich, denn seine Stimme versagte, und Tränen rollten über seine Wangen. Einer nach dem anderen erhob sich. „Frieden“, murmelten sie und nickten einander zu, „ wir wollen Frieden schließen…“
Mit hochrotem Kopf sprang da der Heerführer aus einem reich geschmückten Zelt und brüllte: „Was ist hier los?“. Da legte sich ihm etwas wie eine kühle Hand auf den Mund – er schwieg, schaute verwirrt umher.
In dieses Schweigen hinein ertönte ein leiser Gesang, begleitet von der kleinen Harfe, die er immer bei sich führte: der Musiker, der sonst mit Trompete und Trommel zur Schlacht aufzuspielen hatte. Er trat zu denen am Feuer, spielte und sang, und in ihren Seelen kämpfte es und starb, blutete, schrie und litt, sehnte sich, verzweifelte. Dann aber traten neue Töne hinzu, und aller Hass, alle Trauer schmolz dahin. Frieden breitete sich aus, und sie schauten einander an wie Brüder…
In jener Nacht wurden die Gefangenen befreit, die Verletzten getröstet, und 7 Monate später hatten sich auch die zerstrittenen Könige wieder versöhnt: am Grab des jungen Fürsten reichte man sich die Hand und besiegelte ein Friedensabkommen.
Und die alte Frau, die den Mantel des jungen Fürsten bestickt hatte? Von ihr sprach niemand. Sie aber lebte noch lange bis an ihr Ende in ihrer kleinen Hütte und war’s zufrieden.

Eingeschrieben
sei es
in den Grund
der Seele eines Menschen:
FRIEDEN.

Auch wenn ich sterben werde:
was von mir ausging -
wer weiß!

Einmal
haben sie alle getanzt
zu meinem Akkordeonspiel -
verträumt und heiter -
das soll genügen…
 
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