Die Stimme der Vergänglichkeit

(anknüpfend an ein Fundstück – hier: ein Uniformknopf)

Es war einmal ein alter Soldat.

Der Krieg war aus, und so wie seine Kameraden, die überlebt hatten, wanderte auch er, müde und traurig, zu Fuß nach Hause.
Seine Uniform aus blauem Tuch war zerrissen und fleckig, und der letzte Knopf an seiner Jacke hing nur noch an einem Faden und schaukelte bei jedem Schritt hin und her.

Gedankenverloren griff der Soldat danach, als er an eine Wegkreuzung gelangte – er überlegte nämlich, welches der richtige Weg wäre. Er befand sich noch in fremdem Land und kannte sich nicht aus. Da hörte er, wie der Knopf mit feiner Stimme zu ihm sprach:
„Sei nicht traurig, Kamerad. Über den Tod der anderen wirst du dich eines Tages trösten können, denn du sollst leben und froh sein...“
Der alte Soldat setzte sich vor Schreck auf einen Grenzstein am Feldrain und starrte auf den Knopf in seiner Hand, der sich inzwischen vom Faden gelöst hatte.
„Nicht traurig?!“ rief er aus, er hatte so viel geweint in den Nächten der letzten Jahre, bis er keine Tränen mehr hatte – nicht traurig? Dass Martin, der junge Vater von zwei Kindern direkt neben ihm erschossen wurde? Und die vielen anderen toten Kameraden, die so jämmerlich hatten sterben müssen, gingen ihm durch den Sinn...
Nicht traurig?
Kopfschüttelnd saß er da und mochte nicht weitergehen.

Da schwirrte es in der Luft, und ein Rotkehlchen setzte sich auf sein Knie.
Aus seinen blanken Augen schaute es ihn eine Weile lang still an. Dann sprach es leise:
„Gib ihn mir, deinen Knopf, den letzten Knopf von deiner Uniform – und lass ihn mich zum Großen Blauen See bringen, dorthin, wohin die Tränen aller Menschen fließen...“
Wie im Traum hielt der Mann dem Vogel seine offene Hand hin, und das Rotkehlchen nahm den Knopf in den Schnabel und flog weit über die Wälder davon.

Da wusste der alte Mann plötzlich, welcher der Wege nach Hause führen würde, und er brach auf und kam auch heil dort an. Aber immer wenn er ein Rotkehlchen sah, dann lächelte er, denn er merkte, wie sein Herz mit der Zeit wieder leicht und froh geworden war.

(anknüpfend an eines der Bilder im Veranstaltungsraum – darauf sind zwei Menschen – Mann und Frau – zu sehen, die einander fast mit den Händen berühren. Die eine Gestalt steht vor weißem, die andere vor blauem Hintergrund. Die Linie zwischen den beiden Farben, den beiden Räumen, war es, die mich zum Schreiben inspirierte...)

Ich bin die feine Linie zwischen Leben und Tod.

Fern glaubst du vielleicht schon ihn, der in den letzten Tagen gestorben ist – fern von dir in einem Land jenseits des Stroms, jenseits des Horizonts, ja, in einer anderen Welt, fremd der deinen...

Aber schau – ich sehe ihn an, und seine Hand – noch berührt sie mich zart, die Grenze zwischen Leben und Tod – noch spürt er dich auf der anderen Seite...

Wie eine hauchzarte Membran schwinge ich mit, wenn du von ihm sprichst, an ihn denkst, und jeder Herzschlag klopft bei mir an – er lauscht...

So undurchdringlich ich bin für dich und alle Lebenden, so durchlässig bin ich für eines doch – und das ist die Liebe...

Im Raum der Liebe seid ihr – Verstorbene und Lebende – in dieser EINEN Welt, denn so hat Gott sie einst erschaffen...

Ich bin die feine Linie zwischen Leben und Tod.
Gott zeichnete sie zwischen dir und ihm an jenem Tag... mit leichter Hand... denn seine Engel begleiten ja jeden – den der kommt,
den der geht,
auf dem Weg
zu IHM.

Gedichte zu den beiden Geschichten

Tränen
Alle Tränen
So vieler Menschen –
Du sollst nicht weinen
Komm!

Er
Trug davon
Meine tiefe Trauer
Im Blauen See versunken
Adieu...

Tränen –
Ins Blaue
Sie fließen lassen
Bis endlich eins wird
Alles Liebe

Engel
Begleiten dich –
Ich weiß es –
Hinüber in jene Welt
Ade...

Linie
Zwischen beiden
Seiten des Lebens
Gibt es eine Tür?
...

Schade
Dass dies
Zu Ende ist
Dein fröhliches kluges Spiel
Danke...
 
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